Vergangenheit

Jetta Carleton – In Frühlingsnächten

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4598Inhalt: Ihr Leben in den Vierzigerjahren hatte sie sich eigentlich anders vorgestellt – anstatt in die Großstadt zu gehen und alles zu leben, wovon sie schon immer geträumt hat, zieht die junge Allen Liles in einen kleinen Ort in Missouri und beginnt, dort an einem College zu unterrichten. Ihre Liebe zur Literatur verbindet sie mit ihren Studenten, zu denen sie ein eher freundschaftliches Verhältnis unterhält, und schließlich verliebt sie sich sogar in einen von ihnen. Die Liebe und ihre Gefühle öffnen ihr die Augen und sie erkennt, was wirklich wichtig ist.

 

Amhranai meint: Das Buch hat mich von Anfang an durch sein Cover angesprochen. Ich habe es im letzten Frühjahr gekauft, als ich auf der Suche nach neuer, tiefergehender Lektüre war. Zu dem Zeitpunkt hatte ich einige Re-reads von Chicklit hinter mir und wollte nun etwas mit mehr Tiefe. Dieses Buch, das die Geschichte einer jungen Lehrerin erzählt, die sich selber zu finden versucht, erschien mir als die perfekte Wahl, da ja auch ich diesen Beruf später anstrebe. Insbesondere die Unterschiede zur heutigen Gesellschaft, die circa 70 Jahre von den Geschehnissen im Buch trennen, interessierten mich und zudem war ich gefesselt vom Klappentext, der mir eine komplizierte und gleichzeitig berührende Liebesgeschichte versprach. Leider wurde ich ein wenig enttäuscht, da mir Allen gerade in der ersten Hälfte des Buches absolut unglaubwürdig erschien. Sie schien ihre Meinung und Ansichten zu ändern wie andere ihre Kleidung, wodurch ich direkt genervt von ihr war.

Später dann öffnete sich mir ihr Charakter etwas mehr und ließ mich Einblicke in ihre Gedanken nehmen. Die Liebesgeschichte kam nicht so, wie ich sie erwartet hätte, fesselte mich aber mehr als das Alltagsleben von Allen in diesem kleinen College, das kaum Wert auf Banalitäten wie Literatur oder Kunst legt, während andere Dinge deutlich höhere Prioritäten haben. Der Kampf gegen die Ignoranz der meisten Lehrpersonen und gegen die Gleichgültigkeit der Gesellschaft ging zwar nicht spurlos an mir vorbei, entfachte aber auch nicht das Feuer, das ich mir von dieser Lektüre erhofft hatte. Es war wirklich in erster Linie die komplizierte Beziehung zu einigen ihrer Studenten, für die sie sowohl Lehrerin als auch Bezugsperson und Verbündete war, die mir nahe gingen und die ich sehr gut nachvollziehen konnte. Wer mich kennt, weiß warum. 😉

Insgesamt habe ich es zwar nicht bereut, dieses erstaunlich früh erschienene Buch (das lange als verschollen galt) gekauft zu haben, aber vollends überzeugt hat es mich nicht. Sehr schade.

Martin Demmler – Robert Schumann und die musikalische Romantik

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Inhalt: Die Biografie „Robert Schumann und die musikalische Romantik“ von Martin Demmler ist ein sehr gut recherchiertes Buch über einen der größten Künstler des neunzehnten Jahrhunderts. Schon von klein auf mit dem Klavier vertraut, verschreibt sich Schumann schon bald voll und ganz der Musik und nimmt dafür sogar körperliche Leiden in Kauf (beispielsweise bastelt er sich selbst einen Apparat, der es ihm ermöglicht, seinen Ringfinger stärker zu dehnen, um damit besser spielen zu können. Dies hat eine dauerhafte Versteifung zur Folge). Die Liebe zu der Tochter seines Mentoren, Friedrich Wieck, überdauert die gesamte Zeit seines musikalischen Schaffens und auch Leidens. Die beiden Schumanns ziehen mit ihrer wachsenden Kinderschar durch das ganze Land und machen auch vor dem Ausland nicht Halt, um ihre Karriere zu fördern und endlich glücklich zu werden. Als kleine sachliche Leckerbissen zwischendurch dienen in dem Buch die Beschreibungen einzelner Stücke Schumanns, wie beispielsweise die Kinderszenen.

Amhranai meint: Da ich mich privat seit geraumer Zeit mit Robert und Clara Schumann auseinandersetze, habe ich mittlerweile einiges über die beiden erfahren und mir angelesen. Daher bedeutet das Lesen einer weiteren Schumann-Biografie oft ein Stück weit Wiederholung für mich und nimmt mir den Spaß an dem Aufsaugen weiterer Informationen. Dieses Buch allerdings bietet mit seiner klaren Struktur (die Kapitel umfassen meist jeweils eine Jahresspanne von etwa 5 Jahren und sind chronologisch angeordnet) und seinen detaillierten Informationen zu Robert Schumann und seiner Musik viel Neues und hat mich deshalb auch absolut nicht enttäuscht. Insbesondere die Analyse und Erklärung der Stücke, die der Autor meist vorher erwähnt, haben dafür gesorgt, dass sich mein Verständnis seiner Musik gegenüber noch deutlich erweitert hat. Natürlich, vieles wusste ich auch schon. Einiges aber wirklich eben nicht und dafür muss ich dem Buch bzw.dem Autoren ein Lob aussprechen. 🙂

Ich muss gestehen, dass es schon eine Weile her ist, dass ich dieses Buch gelesen habe – im Rahmen einer Lesenacht vor wenigen Wochen, an der ich teilgenommen (und bis fast zwei Uhr morgens durchgehalten) habe, habe ich es mir wieder gegriffen und erwartungsvoll die erste Seite aufgeschlagen. Da mir die Struktur des Buches dann aber doch irgendwie bekannt vorkam, habe ich es weiter durchgeblättert und festgestellt, dass ich es schon kenne! Anscheinend habe ich es vor einigen Monaten schon einmal gelesen und danach ist es mir irgendwie durchgerutscht. Anfängerfehler. Immerhin habe ich schon sehr früh bemerkt, dass mir der Text nicht neu war – das spricht doch eigentlich für das Buch, oder? 😉

(Wem mein kleiner Monolog über das Wissen bezüglich der Schumanns auch irgendwie bekannt vorkam – hier habe ich schon einmal ein Buch zu diesem Thema rezensiert, allerdings über Clara Schumann, Roberts Frau.)

Jane Austen – Überredung

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Inhalt: Anfang des neunzehnten Jahrhunderts lebt Anne Elliot mit ihrer Familie -das heißt, ihren beiden Schwestern Mary und Elizabeth sowie ihrem Vater Walter – auf einem Gut im ländlichen England. Aufgrund von finanziellen Problemen sehen sie sich zu einem Umzug gezwungen, der nach sich zieht, dass sie ihren alten Wohnsitz vermieten. Auf diese Weise soll wenigstens ein kleines Einkommen erzeugt werden, das sie über die Runden kommen lässt. Wie es das Schicksal so will, ist der Mieter -ein Kapitän – der Schwager von Frederick Wentworth, Annes großer Liebe. Acht Jahre zuvor hatten die beiden eine Liebesbeziehung, die jedoch durch den Druck, den Annes Familie auf sie ausübte, gelöst werden musste. An diesem Tag brachen die Herzen der beiden Verliebten und sie gingen auseinander. Nun, einige Jahre später, taucht Wentworth wieder in Annes Leben auf und wirft all ihre Gedanken, all ihre Gefühle durcheinander. Ist er immer noch der Richtige oder waren diese acht Jahre doch zu lang und haben alles zerstört?

Amhranai meint: Wie eigentlich immer bei Jane Austen musste ich mich auch bei Überredung erst einmal wieder in die Sprache hineinfuchsen, die sie verwendet. Die Entstehung ist mittlerweile circa 200 Jahre her (um 1810 herum) und damals war eben alles anders. Auch die Namensgebung bei den einzelnen Charakteren, die mich mehr als einmal dazu veranlasst hat, innezuhalten und zurückzublättern. Für mich heißen alle Figuren gefühlt gleich und besonders die wechselnde Bezeichnung von „Ms Elliot“ für mehrere Personen stören den Lesefluss.

Von meinen kleinen Problemen abgesehen kann ich die Geschichte von Anne Elliot nur empfehlen. Obwohl es am Anfang ein wenig schleppend losging, kommt das ganze Drama um Anne und Wentworth schon sehr bald ins Rollen und droht sich direkt zu überschlagen. Man spürt Annes Zerrissenheit und dass sie eigentlich noch nicht über Wentworth hinweg ist. Gleichzeitig berichtet sie von seiner Kühlheit ihr gegenüber und offenbart diesen zerbrechlichen Punkt in ihr. Mit anderen spricht sie nie über das, was damals geschehen ist, auch weil es zu sehr schmerzt. Dass sie unter diesen Umständen wieder auf Wentworth trifft und dass sie sich von nun an eigentlich ständig begegnen, ist Schicksal. Langsam beginnen beide die Vergangenheit aufzuarbeiten, unterbrochen von Nebenbuhlern und heimtückischen Machenschaften. Das Ende dieses wunderschönen Romans ist zum Dahinschmelzen und ich möchte dafür die Rückseite des Buches zitieren: Es „beginnt eine zaghafte Annäherung […], die in einer der originellsten Liebeserklärungen der Weltliteratur ihren Höhepunkt findet.“ (Quelle: Austen, Jane: Überredung. Stuttgart: Reclam 2009)

Barbara Michaels – Dem Zauber verfallen

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Inhalt: Die Volkskunst-Studentin Rachel Grant arbeitet aushilfsweise in einem Laden, der sich auf den Verkauf von sehr alten Kleidungsstücken, Decken und Ähnlichem spezialisiert hat. Die Begegnung mit einem ihr unheimlichen Mann, der den Laden übereilt verlässt und dabei einen mysteriösen Müllsack auf der Veranda zurücklässt, verändert ihr Leben deutlich stärker,als sie das angenommen hätte – nachdem er nachts versucht, bei ihr einzubrechen, um diesen Sack zurückzuholen, quartiert sie sich vorläufig bei ihrer Chefin ein, um ihm nicht schutzlos ausgeliefert zu sein. Dort lernt sie mehr über die Quilts (eine Deckenart, die schon im Mittelalter hergestellt wurde), die in besagtem Müllsack entdeckt wurden, und begibt sich und auch ihre Freunde gleichzeitig in Lebensgefahr, denn einer der Quilts birgt ein dunkles Geheimnis…

 

Amhranai meint: Dieses Buch stand eigentlich nicht auf meiner Leseliste, aber da ich es empfohlen bekomme habe und hier ebenso Bezüge zur Vergangenheit geschaffen sind wie bei Romanen von bspw. Barbara Erskine (die ich ja sehr gerne lese), habe ich dem Buch eine Chance gegeben. Nachdem ich zunächst nicht wirklich angetan davon war, da ich die Beschreibungen von Rachels Leben in der Gegenwart und den Problemen, mit denen sie sich herumplagen muss, als eher langweilig empfand und gespannt auf die ersten Einschnitte aus der Vergangenheit gewartet habe (die sehr sporadisch in Form von Rückblenden eingeführt werden), wird es zwischenzeitlich besser. Die Rückblenden und die Geschehnisse in der Jetztzeit scheinen tatsächlich sinnvoll zusammenzuhängen und es setzen sich erste Lösungsvorschläge in meinem Kopf fest. Für lange Zeit geht es dann aber nicht wirklich weiter, stattdessen verstricken sich die Charaktere in -in meinen Augen – überflüssige Aktionen und ziehen damit die Geschichte unnötigerweise in die Länge. Mit einem Mal ist dann aber plötzlich die Lösung da und alle leben glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende.

Nicht nur hat mich das plötzliche Ende negativ überrascht, da es für mich in keinerlei Verhältnis zu der Entwicklung der Geschichte stand, auch hat mich die Ausgestaltung der Geschichte insgesamt nicht überzeugt. Sie beginnt sehr realitätsnah, geht dann aber rasch und vor allem nahtlos in die Gewissheit über, dass Hexerei auch heute noch weit verbreitet ist und ein bestehender Hexenclan zu der Machart des mysteriösen Quilts befragt werden könnte, da dieser Quilt offenbar mit einer Art Zauber belegt wurde. Mit der Magie, die eigentlich viel sorgfältiger in das Buch eingearbeitet hätte werden sollen, wird sorglos umgegangen, was für mich den Anreiz zerstört hat, dieses Buch gespannt weiterzulesen. Tatsächlich wollte ich am Ende bloß noch wissen, ob ich denn mit meiner Theorie Recht hatte, was ich ja innerhalb von ein paar Seiten überprüfen konnte. Zwar hat Michaels am Ende noch einen winzigen Dreher eingebaut, der die Spannung wohl noch länger aufrechterhalten und für eine Überraschung sorgen soll, doch nach zwei Sekunden ist der Effekt dahin. Ich war so enttäuscht von dem schnellen Ende, dass ich auch den Ausgang nicht mehr wirklich würdigen konnte. Auch der historische Aspekt des Buches ist völlig untergegangen, so dass ich leider sagen muss, dass die Geschichte um Rachel und diesen Quilt in keinster Weise meine Erwartungen erfüllt hat. Bis jetzt das schlechteste Buch,das ich in diesem Jahr gelesen habe.

(Ich spiele mit dem Gedanken, auch auf meinem Blog Wertungen in Form von Sternen oder Ähnlichem vorzunehmen. Kann mir jemand sagen,wie ich das mache, gibt es dafür vielleicht eine Extrafunktion?)

[Reread] Barbara Erskine – Der Fluch von Belheddon Hall

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Inhalt: Die junge Mutter Jocelyn Grant (kurz Joss) hat alles in ihrem Leben, was sie sich wünschen kann. Einen sie liebenden Ehemann, einen bezaubernden kleinen Sohn und liebevolle Eltern und eine Schwester, die ihr jederzeit zur Seite stehen. Doch seit ihr Sohn auf der Welt ist, stellt sie fest, dass doch etwas fehlt – die Beziehung zu ihrer Herkunft, zu ihren leiblichen Eltern. Denn Joss wurde als Baby adoptiert. Bisher hatte ihr dies nie etwas ausgemacht, aber ihr Sohn soll wissen, wo er eigentlich herkommt. Und so macht sie sich auf die Suche nach ihren wirklichen Eltern, die sie zu dem verlassenen Herrenhaus Belheddon Hall führt, ihrem neuen Zuhause. Entgegen der Warnungen ihrer Nachbarn, dass es dort spuken soll, zieht sie mit ihrem Mann und ihrem Sohn dort ein, doch schon bald plagen sie erste Zweifel. Etwas ist dort in diesem Haus, etwas, dass ihr und ihrer Familie anscheinend Böses will. Joss gerät in immer größere Schwierigkeiten und weiß schon bald nicht mehr, ob sie nicht langsam verrückt wird. Kann der Fluch, der ihre Familie seit vielen Jahrhunderten verfolgt, gebrochen werden?

Amhranai meint: Barbara Erskine und speziell dieses Buch wurden mir von jemandem empfohlen, der meine Lesegewohnheiten ziemlich gut kennt, weswegen ich ziemlich blind auf diesen Vorschlag vertraut habe und mir auf gut Glück den Fluch von Belheddon Hall bestellt habe. Und ich muss sagen, dass ich das keine Sekunde lang bereut habe, denn mittlerweile zählt Barbara Erskine zu meinen absoluten Lieblingsautorinnen und ich habe schon eine Handvoll Bücher von ihr durchgelesen. Die Geschichte von Joss, ihrem Mann Luke und ihrem Sohn Tom ist mitreißend und fesselnd bis zur letzten Sekunde. Immer dann, wenn man meint, wieder den Überblick gewonnen zu haben und zu wissen, was gerade geschieht, passiert etwas Neues, Unvorhergesehenes, das alles wieder umwirft und den Leser erneut in seinen Bann zieht. Nicht nur Joss zweifelt zwischenzeitlich an sich, auch ich habe es mehrmals getan und war mir nicht mehr sicher, inwieweit man ihrer Wahrnehmung trauen kann. Obwohl das Buch in der dritten Person erzählt wird, liegt der Fokus doch ganz deutlich auf Joss, so dass man in erster Linie mit ihren Gedanken und Handlungen konfrontiert wird. Zwischendurch wird man immer wieder in eine lang zurückliegende Welt entführt, in der alles Übel begann. Joss erlebt diese Rückblenden teilweise wie Träume, teilweise auch bei vollem Bewusstsein, man wird jedoch nie aufgeklärt, was es wirklich damit auf sich hat. Ein Freund von Joss, der Geschichtslehrer ist und somit mit der Vergangenheit des Hauses vertraut ist, bringt stückweise Licht ins Dunkel und fördert Dinge zutage, die besser im Verborgenen geblieben wären. Doch letztlich liegt es an Joss, zu verhindern, dass der Fluch ihre Familie vollends zerstört.

Ein absolut großartiges Buch, das ich jedem empfehlen möchte. Bisher hatte ich kaum Kontakt mit historischen Romanen, doch nach dieser Geschichte bin ich ein absoluter Fan davon, und speziell von Barbara Erskines Geschichten. An dieser Stelle nochmal ein liebes Dankeschön an die Person, die mir das Buch empfohlen hat und mich zu einem Suchti gemacht hat 😉

Theodor Fontane – Mathilde Möhring

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Inhalt:

Mathilde Möhring ist ein kurzer Roman des Schriftstellers Theodor Fontane und handelt von der jungen Berlinerin Mathilde Möhring, die aus armen Familienverhältnissen stammt und versucht, sich in der Gesellschaft emporzukämpfen. Dies gelingt ihr größtenteils auch durch die Heirat mit dem Student Hugo Großmann, der dank Mathildes Disziplin und ihrem Drang, dass er doch sein Studium abschließen solle, bald in der Politik Fuß fasst und ihnen beiden zu hohem Ansehen verhilft. Ein Schicksalsschlag treibt Mathilde am Ende des Buches wieder zurück in ihre Heimat, wo sie beschließt, Lehrerin zu werden.

Amhranai meint:

Wenn man einen Klassiker rezensiert und sagt, dass man davon nicht besonders angetan war, hat man ja oft das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben. Schließlich zählt auch dieses Buch zu Literaturoldies, wenn man sie so nennen will, und sollte eigentlich durch seinen Tiefgang und seine außergewöhnliche Geschichte fesseln. Für mich waren diese gut 100 Seiten schon genug. Die Berlinerin Mathilde Möhring (bei deren Nachnamen ich jedes Mal Assoziationen hatte, die nichts mit dem Thema zu tun haben) lebt gemeinsam mit ihrer armen Mutter in einer kleinen Wohnung und verdient sich ihr Geld dadurch, dass sie das freie Zimmer in der Wohnung vermieten. Eines Tages taucht der Student Hugo Großmann dort auf und scheint recht interessiert. Dennoch sagt er nicht direkt zu, sondern bittet um Bedenkzeit und verschwindet wieder. Während die naive Mutter glaubt, den potenziellen Mieter verloren zu haben, öffnet ihre gebildete Tochter ihr die Augen und teilt ihr mit, dass er sich selbstverständlich längst für sie entschieden hat und nur, um sein Ansehen zu wahren, diese kurze Frist einhalten will. Diese Fähigkeit, absolut alles über jeden zu wissen zu glauben, zieht sich durch das gesamte Buch und ist hin und wieder ziemlich anstrengend, weil sie weit über den gesunden Menschenverstand hinausgeht. Sie mischt sich mit Mathildes naiver Sicht, dass Hugo Großmann ein durch und durch guter Mensch sei, dessen Fehler ein weiterer Ausdruck seines wunderbaren Wesens seien. Ein Beispiel: Großmann diskriminiert die arme Haushälterin der Möhrings, Runtschen, und möchte sie nicht mit sich in einem Raum haben. Während Mutter Möhring sich echauffiert, versucht Mathilde sie damit zu beschwichtigen, dass Großmann eben nur Augen für das Schöne habe und hässliche Menschen nicht ausstehen könne. Und wer das Schöne bevorzuge, bevorzuge auch das Gute, während der, der sich auch dem Hässlichen zuwendet, vom Bösen angetan ist. Diese Einstellung Mathildes ist mitunter sehr anstrengend. Zu den Verhältnissen, wie sie heute vielleicht auch nur noch teilweise nachvollzogen werden können, gesellt sich die Sprache Fontanes, die einige Male für Holperer im Text sorgt. In meiner Fassung werden zusätzlich noch Worte, die im Originaltext anscheinend nicht vorhanden waren (ich gestehe, dass ich mir nicht den gesamten Anhang durchgelesen habe, da dieser etwa genauso lang ist wie das Buch selber), in Klammern ergänzt wurden. Dies dient der historischen Korrektheit, stört aber den Lesefluss massiv, der ja ohnehin bereits eingeschränkt war.

Erstaunt hat mich die außergewöhnlich nüchterne Sprache Fontanes – gerade im Vergleich zu Effi Briest, wo viele Sätze eine halbe Seite in Anspruch nahmen,weil sie die Umgebung und Ähnliches in kleinsten Details darstellten, wirken die Beschreibungen hier recht kurz und knapp. Mag sein, dass ich durch Effi ein falsches Bild von Fontanes Schreibstil in meinem Kopf hatte, aber in meinen Gedanken stand Fontane für diese unheimlich ausufernde Sprache, die mir hier fehlte. Vielleicht hätte sie die Kühle wieder wettgemacht, die Mathilde ausstrahlt und die mich immer wieder zu kurzen Lesepausen gezwungen haben, weil ich dringend wieder ein wenig Sonne in mein Herz lassen musste.

Oscar Wilde – Das Bildnis des Dorian Gray

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Inhalt:

Im neunzehnten Jahrhundert lebt in England ein junger Mann namens Dorian Grey, der den Begriff der Schönheit verkörpert. Sein Äußeres ist absolut makellos, auch sein Wesen ist unbefleckt und von Grund auf gut und rein. Die Begegnung mit seinem zukünftigen Wegbegleiter Lord Henry Wotton verändert sein Leben von Grund auf: Wotton erklärt ihm, dass er bis jetzt noch gar nicht gelebt habe und damit beginnen solle, solange er noch so jung und schön ist. Dorian Grey nimmt sich diese Worte sehr zu Herzen, ist er sich durch erst durch Wotton seiner Schönheit und der Vergänglichkeit eben dieser bewusst geworden. Das von seinem Künstlerfreund Basil Hallward angefertige Portrait von ihm scheint ihn tagein, tagaus zu verspotten und ihm zu zeigen, dass es auch noch in vielen Jahren so makellos schön sein wird, er hingegen alt werden wird. Voller Verzweiflung betet er, dass die Zeichen der Zeit nicht ihn, sondern das ihn zeigende Gemälde treffen mögen, um sein Leben und sein Äußeres so rein zu halten, wie es vor dem Aufeinandertreffen mit Wotton war. Sein Wille geschieht und anstatt seines Gesichts verändert sich immer nur sein Gemälde, weist jedoch nicht nur Zeichen des Alters auf, sondern auch Wandlungen in seinem gesamten Leben. Dorian Grey genießt das Leben, lässt nichts unversucht, um die absolute Erfüllung zu erfahren und zerstört sich innerlich selbst. Doch als er dies erkennt, scheint es bereits zu spät zu sein.

Amhranai meint:

Dieses Buch ist wirklich eindrucksvoll, um es mit wenigen Worten auszudrücken. Am Anfang wird das Leben Dorian Greys als friedlich und schön beschrieben, bevor die Begegnung mit Henry Wotton ihn völlig aufwühlt und alles auf den Kopf stellt, was zuvor da gewesen war. Sein Leben verändert sich von Grund auf, mehrere Begegnungen mit unterschiedlichen Menschen machen ihn zu einem völlig anderen Wesen. Dabei bleibt sein Äußeres verschont und makellos, das Gemälde dagegen zeigt seine Grausamkeit. Dieser Aspekt des Buches ist der einzige, der wirklich nicht realistisch scheint. Alles andere ist -zumindest größtenteils – vertretbar und könnte durchaus so vorgekommen sein. Dorian Grey wird uns als ein Mensch vorgestellt, der noch nicht weiß, was es wirklich heißt, zu leben und der von Henry Wotton auf den vermeintlich richtigen Pfad gebracht wird. Wotton wirkt hier nicht als eine Vaterfigur, sondern eher als ein älterer Freund, der Grey mit psychologischen Reden und Vorschlägen überhäuft. Er ist es, der in Grey das Bedürfnis erweckt, sich zu ändern und viel mehr zu sehen als nur das, was sich ihm bis zu diesem Zeitpunkt in seinem Leben erschlossen hat. Kaum den Kinderschuhen entwachsen, zieht Grey los, um das Leben zu entdecken. Eine Liebelei mit einer noch unbekannten Schauspielerin, die tragisch endet, ist erst der Anfang in seinem Weg, der ungefähr 20 Jahre dauern soll und in zwei großen Etappen von Wilde geschildert wird: zunächst die Anfangsphase, in der Grey ungefähr 20 Jahre alt ist, und dann die Ausmaße, die sein Lebenswandel angenommen hat. Als Überleitung dient eine Beschreibung dessen, was Grey alles entdeckt und womit er sich beschäftigt hat. Die Schilderungen reichen von verschiedenen Musikinstrumenten über Edelsteine bis hin zu literarischen Werken, wobei hier eine genaue Recherche Wildes deutlich wird. Die Präzision, mit der die unterschiedlichen Erfahrungen und ihre Inhalte dargestellt werden, reicht weit über eine simple Aufzählung hinaus. Auch sonst geizt das Buch nicht mit Details, der Gefühlszustand Greys wird viele Male zum Mittelpunkt des Geschehens. Obwohl Grey uns seine Geschichte nicht selbst erzählt (sondern uns diese in Form eines Er-Erzählers dargeboten wird), erfahren wir viel darüber, wie er sich fühlt und warum er so handelt, wie wir es sehen. Dabei erschließen sich dem Leser oft nur Bruchstücke seiner Gedankengänge, da sie von dem ungeheuren Hunger auf die Welt durchzogen sind und einem objektiven Außenstehenden gar nicht begreiflich gemacht werden können. Die Sehnsucht nach dem Leben und die Sehnsucht nach der ewigen Jugend berühren das gesamte Buch durch, und auch wenn man Grey hin und wieder gerne wachrütteln würde, um ihn zu bitten, nicht blind auf das zu vertrauen, was der ominöse Lord Wotton ihm sagt, sondern die Welt auf seine Weise zu entdecken und seine eigenen Werte beizubehalten, so fiebert man die gesamte Zeit mit ihm und wünscht ihm, dass er seine Erfüllung findet.

Ein wirklich fesselndes Buch, das mich nach anfänglichen Schwierigkeiten (die Sprache ist zum Teil etwas veraltet und die Charaktere haben verwirrende Spitznamen, beispielsweise wird Lord Henry gerne Harry genannt) bis zu seinem Ende nicht mehr losgelassen hat und mich auch noch im Nachhinein sehr beschäftigt. Wie weit kann man bei der Suche nach Erfüllung und Glück gehen, wo sind die Grenzen?