Birgit Vanderbeke – Die sonderbare Karriere der Frau Choi

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Inhalt: In einem kleinen Dorf in Südfrankreich ist nichts mehr so, wie es einmal war, seit Frau Choi dort ihr koreanisches Restaurant „Bapguagup“ eröffnet hat. Von überall her kommen die Menschen, um ihr außergewöhnliches Essen zu probieren und sich von dem unwiderstehlichen Charme bezaubern zu lassen, der den Ort ihrer Selbstverwirklichung umgibt. Doch das Auftauchen von Frau Choi bringt neben viel Neuem auch Rätselhaftes mit sich – Menschen versterben plötzlich und unerwartet. Keiner kann sich erklären, wie dies in dem Dorf, in dem eigentlich nie etwas geschieht, passieren kann, doch ob Frau Choi damit in Verbindung gebracht werden kann, ist unmöglich zu sagen.

 

Amhranai meint: Die sonderbare Karriere der Frau Choi ist nicht das erste Buch, was ich von Birgit Vanderbeke gelesen habe – während meiner Schulzeit habe ich mich intensiv mit dem Muschelessen auseinandergesetzt und mich aufgrund meiner Faszination für diese Geschichte sogar dafür entschieden, sie als eines meiner beiden Prüfungsthemen im mündlichen Abitur zu nehmen. Der Stil, in dem das Muschelessen geschrieben war, stieß mich – im Gegensatz zu einigen Mitschülern – nicht ab, sondern regte mich zum Nachdenken und zum näheren Nachlesen an. Mit diesen Erinnerungen im Hinterkopf habe ich mich nun an das nächste Buch von Birgit Vanderbeke gewagt, gespannt auf das, was mich nun erwartet. Zum Einen sind meine Erwartungen erfüllt worden, da die Geschichte von der Koreanerin Frau Choi, die es in ein kleines -nicht namentlich genanntes – Nest in Frankreich verschlägt und die sich dort verwirklichen will, zugleich faszinierend und äußerst rätselhaft ist. Es lässt sich nicht definitiv sagen, dass ihr Restaurant und die ungewöhnlichen Zutaten, die sie in ihren Mahlzeiten verarbeitet, in Verbindung stehen mit den mysteriösen Todesfällen, die das Dorf erschüttern. Zwar fallen einige Andeutungen, doch ob diese wahrgenommen oder abgetan werden, bleibt jedem Leser selbst überlassen. So oder so bildet das Buch mit seinen gut einhundertzwanzig Seiten einen angenehmen Lückenfüller, der das Herz eines jeden Krimi-Fans zumindest kurzweilig höher schlagen lässt.

Der Schreibstil von Vanderbeke ist nicht der einer „klassischen“ Romanautorin – sie schreibt in der dritten Person, addressiert aber zwischenzeitlich auch direkt den Leser. Dadurch bleibt der Leser die ganze Zeit über in das Geschehen integriert und könnte sich vermutlich auch direkt in dieses Dorf versetzen, wenn denn die gewollte Anonymität nicht vorhanden wäre. So aber bleibt alles, was in diesem kleinen Dorf in Frankreich geschieht, hinter Schloss und Riegel. Dadurch, dass Vanderbeke in ihrer wörtlichen Rede keine Anführungszeichen verwendet, liest sich die Geschichte, die zudem auch nicht durch Kapitel unterteilt ist, wie eine Sammlung von Gedanken, die ein Reiseführer einem interessierten Publikum darbietet, gleichzeitig erinnert sie aber auch an einen Krimi-Abend, in den die Zuschauer bis zu einem gewissen Grad eingebunden werden sollen. Die Mischung von Nähe und Distanz (auch gewährt dadurch,dass zwar Einblicke in die Gedanken der anderen Charaktere gegeben werden, niemals aber die Absichten und Pläne von Frau Choi aus ihrer Sichtweise geschildert werden, so dass man sich eher mit den Dorfbewohnern identifizieren kann als mit ihr, der Außenseiterin) ist sowohl inspirierend als auch frustrierend, da man gerne mehr wissen möchte als die vermeintlich einfältigen Dorfbewohner, aber immer wieder vertröstet wird.

Wie schon im Muschelessen finden sich auch in diesem Buch Motive, die wiederholt werden. Hier ist das zum Einen die Erwähnung von Werwölfen und weißen Frauen (also Fantasiegestalten), an die im Dorf angeblich keiner mehr glaubt. Sie stehen dafür, dass im Dorf die Rationalität vorherrscht und man sich eigentlich nicht mehr von Geschichten und Legenden einschüchtern lässt. Vermutlich ist dies auch ein Grund dafür, warum Frau Choi, ohne hinterfragt zu werden, ihr Geschäft weiter betreiben kann. Reine Spekulationen sind nicht in den Köpfen der Bewohner von M** (so wird das Dorf genannt) vorgesehen, was durch diese Phrase wiederholt hervorgehoben wird. Damit bleibt auch (wie bereits oben erwähnt) der Leser ein Stück weit auf der Strecke, zur gleichen Zeit aber ist er den Dorfbewohnern ein kleines Stück voraus: durch die entschuldigend wirkende Aussage wird man mit der Nase darauf gestoßen, dass reine Rationalität manchmal einfach nicht weiterhilft und man auch an das Übersinnliche glauben sollte. Dies scheinen die Bewohner noch nicht verstanden zu haben (oder sie haben einst so gedacht, bevor sie diesen Teil ihrer Fantasie zu ihrem eigenen Schutz wieder eingesperrt haben).

Mein Fazit: Ich bereue es nicht, das Buch gekauft zu haben, doch trotz seiner Kürze wirkt die Geschichte manchmal etwas langatmig. Dies liegt wohl größtenteils an der fehlenden Kapitelaufteilung, da dadurch der gesamte Inhalt auf einmal auf einen einstürzt. Nichtsdestotrotz sind die Machenschaften von Frau Choi durchaus betrachtenswert und regen die Fantasie des Lesers zum Nachdenken an.

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